Wenn Dein Kind Dich morgen fragt ... *
Auf einmal fangen wir wieder an,
über uns nachzudenken,
und zwar über uns als das Kind, das wir einmal waren.
Sind wir überhaupt noch dasselbe Ich,
wie dieses ferne Kind in jener fernen Zeit?
Wissen wir noch, wie sich die Welt damals anfühlte?
Wissen wir noch, wie lang damals die Sommer waren?
Wissen wir noch,
wie wir uns abends gegen den Schlaf gewehrt haben,
weil wir dachten, es komme kein Morgen mehr,
wenn einmal das Licht
und damit die ganze bekannte Welt untergegangen ist?
Wissen wir noch, wie es war,
auf die heimkehrenden Eltern zu warten,
wie sich die Stunden dann unendlich ausdehnten?
Und dann die Stimmen und Geräusche:
die Gespräche der Erwachsenen,
die Lieder, die Motoren der Autos, wenn man einschlief,
die Vögel im Garten.
Und dann die Ängste:
dass die Eltern sich auf den Tod verstreiten,
dass eine kleine Lüge entdeckt wird,
dass der Krieg wieder kommt oder die Atomverstrahlung,
dass ein Verbrechen in unmittelbarer Nähe geschieht.
Nein, Kindheit ist nicht das reine Glück.
Kindheit ist auch so etwas wie Glück, manchmal.
Aber eigentlich ist es etwas anderes.
Kindheit ist ein Zustand.
Den zu begreifen -
das steht am Anfang unserer Geschichte. **
*
Motto des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentages, Hannover, 2005
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** Dr. Antje Vollmer, Theologin, MdB 1994-2005
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